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Zahnpflege auf höchstem Niveau

Kleine Geschichte der Lokalanästhesie.

In einer Zeit ohne Lokalanästhesie schildert Wilhelm Busch in „Balduin Bählamm“ und „Der hohle Zahn“ ausführlich die Auswirkungen von Zahnschmerz.

Ungefähre Lesezeit: 3 Minuten

Zahnentfernung ohne Betäubung

Zurzeit Wilhelm Buschs, also zu einer Zeit ohne lokal wirkende Betäubung, suchte ein Patient die Zahnarztpraxis nur beim Auftreten von Schmerzen auf. Was bedeutete, dass der betroffene Zahn angesichts der damals sehr begrenzten Behandlungsmöglichkeiten in der Regel gezogen wurde. In “Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter” beschreibt Wilhelm Busch drastisch, was Zahnschmerzen mit dem Menschen machen. Dinge des täglichen Lebens sind plötzlich unbedeutend, der Verlust des Zahnes ist egal. Hauptsache der Schmerz ist weg. Gezogen wird bei Kerzenlicht und ohne Betäubung (Anästhesie):

Das Zahnweh subjektiv genommen,
Ist ohne Zweifel unwillkommen;
Doch hat‘s die gute Eigenschaft,
Daß sich dabei die Lebenskraft,
Die man nach außen oft verschwendet,
Auf einen Punkt nach innen wendet
Und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
Kaum fühlt man das bekannte Bohren,
Das Rucken, Zucken und Rumoren –
Und aus ist‘s mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins,
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet –
Man weiß nicht, was die Butter kostet –
Denn einzig in der engen Höhle
Des Backenzahnes weilt die Seele,
Und unter Toben und Gesaus
Reift der Entschluß: Er muß heraus!!

Wilhem Busch

In Wilhelm Buschs Darstellung aus dem Münchner Bilderbogen mit dem Titel “Der hohle Zahn” wird mit dem armen Patienten nicht besser verfahren. Auch hier geht der Zahnarzt zügig zur Sache:

Der Doktor ruhig und besonnen,
Hat schon bereits sein Werk begonnen.
Und unbewußt nach oben
Fühlt Kracke sich gehoben.
Und – rack! – da haben wir den Zahn,
Der so abscheulich weh getan!
Mit Staunen und voll Heiterkeit
Sieht Kracke sich vom Schmerz befreit.
Der Doktor, würdig wie er war,
Nimmt in Empfang sein Honorar.
Und Friedrich Kracke setzt sich wieder
Vergnügt zum Abendessen nieder.

Wilhelm busch

Kokain: Lokalanästhesie mit Nebenwirkung

Ja, zu dieser Zeit war ein Zahnarztbesuch kein Vergnügen. Zwar gab es bereits Zahnentfernungen unter Lachgas-Analgesie, Äthernarkose oder Chloroform. Der notwendige apparative Aufwand war aber groß und teuer – zu teuer für die meisten Praxen. Außerdem gab es viele Komplikationen und sogar tödliche Zwischenfälle. Bereits 1860 gelang dem Göttinger Chemiker Alfred Niemann die Isolation von Kokain Cocablättern. Als Erfinder der Lokalanästhesie gilt jedoch der Wiener Augenarzt Carl Koller, der 1884 die lokalanästhetischen Eigenschaften des Kokains entdeckte.​1–4​ Zur Oberflächenanästhesie träufelte Koller eine 10- bis 20-prozentige Kokainlösung auf das Auge seines Patienten. Damit erreichte er die  völlige Schmerzfreiheit am Auge.

1885 entfernte der amerikanische Chirurg William Stuart Halsted einen Zahn unter lokaler Schmerzausschaltung. Da er als Erster die Kokainlösung direkt in die Nähe des Unterkiefernervs spritze, betäubte er die gesamte Leitungsbahn. Seine Technik machte ihn zum Erfinder der Leitungsanästhesie.

Vier Jahre später berichtete die Monatszeitschrift für Zahnheilkunde von über 3.000 Injektionen mit einer 20- bzw. 5-prozentigen Kokainlösung. Schnell zeigte sich die Schattenseite des Kokains. Sowohl körperliche, bspw. die Schädigung innerer Organe oder psychische, bspw. die schnelle Abhängigkeit, waren die unerwünschten Folgen des Kokaingenusses. Ein weiterer Nachteil: Die Wirkung der Schmerzausschaltung hielt nicht lange an. Daher musste das Anästhetikum bei längeren Behandlungen mehrfach nachgespritzt werden. Was nicht ungefährlich war, da es durch das häufige Nachspritzen zu Kreislaufkomplikationen und Vergiftungserscheinungen kommen konnte.

Mit Procain statt Kokain zur modernen Lokalanästhesie

Auf der Suche nach einem Ersatz für Kokain entdeckte 1904 der Chemikern Alfred Einhorn den Wirkstoff Procain. Procain ähnelte dem Kokain, hatte aber nicht dessen Nebenwirkungen. 1905 kam Procain unter dem Namen Novocain (von lat. novus „neu“ und -cain abgeleitet von Cocain) in den Handel. Zur gleichen Zeit erkannte der Leipziger Chirurg Heinrich Braun, dass durch einen geringen Zusatz des Vasokonstriktors Adrenalin die Dauer der Schmerzausschaltung der Lokalanästhetika deutlich verklängert wurde. Chemikern der Farbwerke Hoechst gelang es, das Hormon Adrenalin synthetisch herzustellen und diese Substanz als „Suprarenin“ zu vertreiben.

Dank des Zusatzes von Suprarenin zu den Lokalanästhetika war es nun möglich auch umfangreiche Zahnbehandlungen unter örtlicher Betäubung durchzuführen. Durch ständige Weiterentwicklungen wird Procain heute für die örtliche Schmerzausschaltung nur noch selten verwendet. Neue, besser wirkende Lokalanästhetika, wie bspw. Lidocain, haben Procain verdrängt. Neben der Leitungsanäthesie werden in den Zahnarzpraxen drei weitere Methoden der Schmerzausschaltung angewendet: die Oberflächenanästhesie, die Infiltrationsanästhesie und die intraligamentäre Anästhesie. Alle mit dem Ziel, bei Behandlungen den Schmerz vollständig oder zumindest weitestgehend zu vermeiden.

Dank der modernen Zahnmedizin und vor allem der wirksamen Anästhesie erleben wir heute Zahnbehandlungen frei von Schmerzen und frei von Angst. Gedichte von Wilhem Busch gehören so der Vergangewnheit an. Und das ist auch gut so.

(zpl, Teaserfoto: proDente e.V.)

Literatur

  1. 1.
    Goerig M, Bacon D, van Zundert A. Carl Koller, Cocaine, and Local Anesthesia. Regional Anesthesia and Pain Medicine. Published online 2012:318-324. doi:10.1097/aap.0b013e31825051f3
  2. 2.
    Sonderdruck DZW „110  Jahre Lokalanästhesie”. Die Zahnarztwoche. 2015;(24):0.
  3. 3.
    Leonard M. Carl Koller: Mankind’s Greatest Benefactor? The Story of Local Anesthesia. J Dent Res. Published online April 1998:535-538. doi:10.1177/00220345980770040501
  4. 4.
    Daiber J. Therapeutisches Scheitern. Freud, das Kokain und die Literatur. In: Hofmannsthal Jahrbuch Zur Europäischen Moderne. Rombach Wissenschaft; 2018:261-308. doi:10.5771/9783968216843-261

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Kleine Geschichte der Lokalanästhesie.
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