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Kreidezähne durch Antibiotika?

Der aktuelle Barmer Zahnreport befasst sich mit Kreidezähnen bzw. der Molaren Inzisiven Hypomineralisation (MIH). Sind Antibiotika die Ursache?

Lesedauer: 6 Minuten

Kreidezähne bei rund acht Prozent der sechs- bis zwölfjähigigen Kinder

Laut Barmer-Zahnreport 2021​1​ haben rund acht Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Kinder in Deutschland Kreidezähne. Das entspricht rund 450.000 behandlungsbedürftige Kinder. Bei Kreidezähnen, im Fachjargon als Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, bezeichnet, handelt es sich um eine Störung der Schmelzbildung. Betroffen hiervon sind einzelne oder mehrere Zähne der ersten bleibenden Backenzähne (Molaren) und/oder der Schneidezähne (Inzisiven). Wobei nicht alle Zähne gleich stark betroffen sein müssen. Zunehmend mehren sich die Hinweise, dass die MIH nicht nur an bleibenden Zähnen, sondern auch an den zweiten Milchbackenzähnen (Milchmolaren) und den Milcheckzähnen auftreten kann.​2​ Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde die Erkrankung, die weltweit in unterschiedlicher Häufigkeit auftritt, Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Aufgrund des häufigen Auftretens sprechen Zahn-Experten bereits von der neuen Volkskrankheit.​3​

Ursache für Kreidezähne noch nicht bekannt

Die an MIH erkrankten Zähne sind gelblich oder bräunlich verfärbt, porös und schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. Teilweise brechen auch ganze Schmelzteile vom Zahn ab.​4–6​ Zur Behandlung der Kreidezähne werden Fluoridierungen, Versiegelungen, Füllungen und Kronen erforderlich. Im ungünstigsten Verlauf kann ein MIH-Zahn verlorengehen. Zwar sind die Ursachen für diese Erkrankung noch nicht restlos geklärt. Aber Experten sehen auch bestimmte Antibiotika als mögliche Verursacher an. Eine These, die der vorliegende Zahnreport zu dem hochaktuellen Thema mit seinen Ergebnissen stützt.

“Kinder haben häufiger Kreidezähne, wenn sie in den ersten vier Lebensjahren bestimmte Antibiotika erhalten haben.“

Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer

Zusammenhang zwischen Antibiotika und MIH?

Um einen eventuellen Zusammenhang zwischen MIH und Antibiotika zu ermitteln, hat der Zahnreport unterschiedliche Gruppen von Medikamentenverordnungen bei Kindern mit und ohne Kreidezähnen untersucht. Zusätzlich wurden unterschiedliche Antibiotika geprüft, die etwa bei Atem- oder Harnwegsinfekten zum Einsatz kommen. Nach Auswertung der Daten kommen die Autoren zum Ergebnis, dass Kinder mit Kreidezähnen in den ersten vier Lebensjahren häufig angewendete Antibiotika bis zu etwa zehn Prozent mehr verschrieben bekamen als Gleichaltrige ohne Kreidezähne.

Was die Aussage zulässt, dass die Verordnung von Antibiotika in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Auftreten von Kreidezähnen steht. Die Wirkweise ist jedoch noch unklar. Dazu bedarf es weiterer Forschung. Zumal auch weitere Ursachen für MIH diskutiert werden, beispielsweise Infektionserkrankungen in den ersten drei Lebensjahren, chronische Erkrankungen der Atemwege des Kindes, Umweltgifte (z.B. Bisphenol A als Bestanteil von Kunststoffen) oder ein Mangel an Vitamin D [6, 7].​7,8​

Kreidezähne und Antibiotika

Weitere Fakten zu MIH. Mehr Forschung nötig

Der Report zeigt noch weitere interessante Fakten. So sind beispielsweise Mädchen häufiger von Kreidezähnen betroffen als Jungen. Im Zeitraum 2012 bis 2019 hatten 9,1 Prozent der Mädchen und 7,6 Prozent der Jungen eine schwere Form der Kreidezähne. Eine Form, die zahnärztlich behandelt werden musste. Kinder von Müttern, die bei der Geburt noch sehr jung oder bereits älter als 40 Jahre waren, hatten vergleichsweise selten MIH. Dagegen hatten Mütter, die bei der Geburt zwischen 30 und 40 Jahre alt waren, gut doppelt so häufig Kinder mit Kreidezähnen. Warum das so ist, kann der Report mit den Abrechnungsdaten der Barmer-Versicherten nicht erklären.

Ebenfalls noch nicht erklärbar sind die großen regionalen Unterschiede. Bundesweit schwanken die Betroffenenraten bei Kindern auf Stadt- und Kreisebene zwischen drei und 15 Prozent, wobei selbst auf der Ebene der Bundesländer große Unterschiede zu verzeichnen sind.

„Obwohl Kreidezähne neben Karies die häufigste Zahnerkrankung bei Kindern sind, steht die Forschung dazu noch am Anfang. (…) In Kenntnis der Ursachen könnten zukünftig dann auch endlich präventive Maßnahmen möglich werden“

Prof. Dr. Michael Walter, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden

Intensive Prophylaxe hilft

Da die Ursache für Kreidezähne noch nicht bekannt ist,​9–11​ kann man bisher gegen MIH nicht wirksam vorbeugen. Daher betont die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) die Bedeutung der Früherkennung. Denn wird MIH bereits beim Zahndurchbruch erkannt, kann mit engmaschiger, intensiver Betreuung und Einleitung therapeutischer Maßnahmen einem weiteren Verlust von Zahnschmelz entgegengewirkt werden. Aufgrund ihrer rauen und stark zerfurchten Oberfläche besteht für MIH-Zähne ein erhöhtes Risiko, Karies zu bekommen.​12​ Neben dem obligatorischen Zähneputzen muss zusätzlich eine besonders intensive Prophylaxe betrieben werden. Hierzu zählen insbesondere Fluoridierungsmaßnahmen in der häuslichen Umgebung und der Zahnarztpraxis. Darüber ist es möglich Kreidezähne durch Kalziumphosphate (z. B. Tooth Mousse, Clinpro Tooth Creme) zu remineralisieren.​13​ Bei einer schweren MIH können Fissurenversiegelungen, Komposite oder provisorische Stahlkronen notwendig sein, wobei Stahlkronen zur Therapie großer Defekte nach dem 16. Lebensjahr durch eine Vollkeramik- oder Metallkeramikkrone ersetzt werden.

(zpl, Teaserfoto: proDente e.V.)

Literatur

  1. 1.
    Rädel M, Bohm S, Priess H-W, Reinacher U, Walter M. BARMER Zahnreport 2021. BARMER; 2021. https://www.barmer.de/presse/infothek/studien-und-reports/zahnreporte
  2. 2.
    Fuchs C, Buske G, Krämer N. Schmelzbildungsstörungen – Fallbericht einer generalisierten Schmelzbildungsstörung in der 1. Dentition (Enamel malformations – Case report of a generalised enamel malformation in the primary dentition). Oral Prophyl. 2009;31:178-186.
  3. 3.
    Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK). Neue Volkskrankheit: MIH Hat Karies in Bestimmten Altersgruppen Schon Überholt. DGZMK; 2018:1. Accessed June 26, 2021. https://www.dgzmk.de/documents/10165/3506853/Pressemeldung_zur_DGZMK-Pressekonferenz_am_24_Mai_2018.doc/e427c939-0bbb-4782-8d80-fb510cd0ab94
  4. 4.
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    Weerheijm K, Duggal M, Mejàre I, et al. Judgement criteria for molar incisor hypomineralisation (MIH) in epidemiologic studies: a summary of the European meeting on MIH held in Athens, 2003. Eur J Paediatr Dent. 2003;4(3):110-113. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14529329
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